Dies ist ein mutmachendes Buch. Durch den Suizid ihres zweiten Sohnes hat sich das Leben von Annette Meißner komplett verändert. Um den Alltag bewältigen zu können, brachte sie all ihre Gedanken zu Papier. Aus jenen Schriften entstand nach vier Jahren dieses Buch mit wertvollen Tipps. Die Autorin schrieb es für Suizidhinterbliebene und Menschen, die sich mit den Thema Suizid auseinandersetzen möchten.

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Warum ich dieses Buch schrieb
Nachdem sich mein Leben am 03.07.2008 von einer Sekunde auf die andere schlagartig änderte, schrieb ich, um nicht vollends unterzugehen. Mein Sohn Enrico hatte sich am 22.06.2008 das Leben genommen. Er war erst 19 Jahre jung.
Mein Tagebuch und meine darin festgehaltenen Gedanken halfen mir, zu „überleben“. Selbst meine kleinsten „Erfolge“ hielt ich schriftlich fest. Ich möchte Dir mit meinem Buch Mut machen und Dir sagen, dass auch Du mit Deinem veränderten Leben zurechtkommen kannst.
Dieses Buch soll Dir helfen, Dich besser zu verstehen, denn Du hast Dich durch den Suizid Deines geliebten Menschen sehr verändert. Die Welt außen ist noch so, wie sie war, nur Deine eigene Welt ist innerlich zusammengebrochen.
Suizid – ein sehr bedrohliches Wort – und noch bedrohlicher scheint das Leben der Hinterbliebenen. Ich benutze absichtlich das Wort „scheint“. Denn ich bin selbst eine „verwaiste Mutter“ und weiß aus eigener Erfahrung, dass es auch wieder Sonne nach dem Regen gibt.

Auch möchte ich mit meinem Buch einen Beitrag dazu leisten, Vorurteile in Bezug auf Suizid zu entkräften. Hinter vorgehaltener Hand wird laut gemunkelt.
Suizid ist immer noch ein großes unethisches Tabu-Thema. Weil dem so ist, wurde mein Sohn ohne meine Zustimmung anonym beerdigt.
An dieser Stelle klage ich niemanden an. Ich möchte durch mein Buch ein Stück weit helfen, das Thema Suizid zu enttabuisieren.
Trauerarbeit ist eine schwere Arbeit und manchmal, nein, sogar sehr oft, bewegte ich mich im Kreis und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Ich möchte Dir gerne helfen, Deine Gedanken zu sortieren. Vielleicht schaffe ich es, Dir mit meinen Gedanken ein Stück weit andere Wege nahe zu bringen.
Suizidhinterbliebene verstehen die Gedanken und Gefühle anderer Suizidhinterbliebener besser als jeder andere Mensch.

Enrico soll nicht umsonst gegangen sein. Und das ist er auch nicht, denn er hat sehr viel in mir bewirkt.

Ich sende Dir ganz viele liebe und tröstende Grüße,
Deine Annette Meißner,
Mutter von zwei lebenden Söhnen
und einem verstorbenen Sohn.

Handhabung dieses Buches
Dies ist kein „normales“ Buch, welches Du von vorne bis hinten lesen musst, um es zu verstehen. Jedes Kapitel ist abgeschlossenen. Jeder Mensch kann dieses Buch so lesen, wie es ihm zusagt.
Denn: Trauer ist für viele Menschen schwer zu verarbeiten. Trauer nach dem Suizid unseres geliebten Angehörigen ist für uns Hinterbliebene noch viel schwerer zu verstehen und zu verarbeiten. Wir alle sind verschiedenartige Menschen und trauern auf unterschiedlichste Art und Weise.
Daher: Lies erst einmal die Kapitel, die Dir am wichtigsten erscheinen.
Trauer und Trauerverarbeitung sind sehr komplexe Themen. Viele Dinge sind miteinander verknüpft, sodass ich keine bestimmte Reihenfolge aufstellen konnte. Jedes Kapitel ist so wichtig, wie es in dem Moment wichtig für Dich ist.

Da ich selbst betroffen bin, beruhen die Tipps auf meinen persönlichen Erfahrungen. Die in meinem Buch eingebrachten Hilfestellungen habe ich alle selbst praktiziert.
Ich hoffe, dass sie auch für Dich hilfreich sind.
Und wenn Du es jetzt vielleicht noch nicht siehst – glaube mir, es kann Dir eines Tages wieder besser gehen.

Dieser Tag hat mein Leben komplett verändert
Wieso rief meine Schwester mich so oft an diesem Tag an? Es war Donnerstag, der 03.07.2008:
Wo ich denn sei? Wann ich wieder zurück sei?
Es wird schon seinen Grund haben, dachte ich im Zug und entschied mich dazu, die Fahrt nach Hause zu genießen. Die Sonne war herrlich warm. Ich beschloss, mir keine weiteren Gedanken zu machen und freute mich, dass sie mich vom Bahnhof abholen würde, so, wie sie mir am Telefon versprach.
Als ich aus dem Zug ausstieg, hielt ich Ausschau nach ihr und entdeckte obendrein meine jüngere Schwester.
Sie sei zufällig in der Nähe gewesen und dachte, dass es doch nett wäre mich mit abzuholen. Ich freute mich sehr darüber und lud beide Schwestern kurzerhand zum Tee zu mir nach Hause ein.
Dass dies die letzten „normalen“ Momente in meinem Leben waren, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht geahnt.
Bei mir zu Hause angekommen, sah mir meine ältere Schwester plötzlich ganz intensiv in meine Augen und sagte:
„Ich muss dir etwas sagen …“
SOFORT kam mir Enrico in den Sinn.

Ich: „Enrico?“
Sie: „Ja.“
Ich: „Was ist mit ihm? Ist ihm etwas passiert?“
Sie: „Wir können ihm nicht mehr helfen.“
Ich: „Was ist denn los? Wo ist er?“
Sie: „Er ist … … tot.“
Ich: „Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze. Enrico ist doch nicht tot. Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da?“
Sie (leise – kaum hörbar): „Doch“

Ich schrie laut los: „NEIN NEIN NEIN! Wie? Wo? Was ist passiert?“

Meine Schwester blickte mich an. Ganz leise flüsterte sie folgende Worte, die ich nie wieder in meinem Leben vergessen werde:
„Enrico hat sich am Wasserturm erhängt.“
Stille …
NEIN! Das kann nicht sein. Er kommt doch gleich wieder nach Hause. Ich hab doch die Stühle bald fertig gestrichen.
Hilfesuchend blickte ich zu meiner jüngeren Schwester hinüber, die bis dahin ganz ruhig auf dem Sofa saß und mich unsicher beobachtet hatte.
„Nein“, stammelte ich, „das stimmt nicht! Enrico macht so etwas nicht!“

Stille herrschte und keine der beiden Schwestern widersprach mir. Plötzlich stieg eine große Hitze in mir hoch.
Mit den Füßen aufstampfend schrie ich erneut los:
„NEIN! Das glaube ich dir nicht. Enrico tut so etwas nicht! Ich will ihn sehen! Jetzt! Ich will ihn jetzt sehen!“

Ja, ich will ihn sehen!

Dann folgte der nächste Schock:
Meine jüngere Schwester wandte sich zu mir und sagte ganz vorsichtig und leise:
„Er wurde heute Mittag anonym beerdigt. Niemand wusste, wer er war, als sie ihn gefunden haben.“

WAS? Wie bitte? NEIN! Das darf nicht sein! Das kann nicht sein!
Es hat doch niemand die Erlaubnis von mir bekommen! Mein Flippy! Ganz alleine – ohne mich! Es kannte ihn keiner? Er ist doch hier aufgewachsen! Er kann ja auch gar nicht tot sein, denn er kommt ja gleich wieder nach Hause!

Ein plötzlich auftretender drückender Schmerz in meiner Brust wurde unerträglich. Ich rang nach Luft, stampfte erneut mit den Füßen auf den Boden und vergrub dann den Kopf in meinen Armen. Meine jüngere Schwester nahm schweigend meine Hand. Ich ließ es zu.
Da beide Schwestern vorausdachten, rief die Ältere in meinem Beisein meinen Hausarzt an. Er würde sofort bei mir erscheinen, versicherte er, wenn sie es für notwendig erachtete. Er sei auf Abruf bereit.
Blitzartig gingen mir wichtige Gedanken durch den Kopf:
„Was ist mit meinen beiden Jungs? Wissen sie es schon?“ , fragte ich erschrocken.
Selbst daran hatten meine Schwestern gedacht und sie wollten zusammen mit mir meine Söhne aufsuchen, die nicht mehr bei mir wohnten, um es ihnen persönlich zu sagen.
Bevor wir zu ihnen fuhren, fragte meine ältere Schwester, welchen Menschen ich um mich haben wolle. Es war natürlich Regina. Meine langjährige und beste Freundin. Auch Julia, die Patentante meines ältesten Sohnes, hätte ich gerne gesehen.
Organisation war für mich unmöglich, weil ich nicht klar denken konnte. Ich war so froh, dass mir alles aus der Hand genommen wurde. Im Grunde genommen war ich mit allem einverstanden, denn:

Denken -was ist das? Ich denke Nebel
Fühlen -was ist das? Ich fühle Nebel

Meine Schwestern standen vom Sofa auf und ich folgte ihnen schweigend. Meine Beine bewegten sich wie automatisiert. Die gesamte vertraute Umgebung nahm ich auf einmal nicht mehr wahr. Ich lehnte mich an meine jüngere Schwester und ließ mich von ihr führen.
Im Auto meiner älteren Schwester fand ich mich wieder; auf dem Weg zu meinem jüngsten Sohn.
Das „Wir“ war so wichtig. Glücklicherweise war es in unserer Familie normal, füreinander da zu sein. Alleine hätte ich es nicht geschafft, meinen anderen beiden Jungs diese Mitteilung zu überbringen. Der Schock saß zu tief in mir.
Dieser scheußliche Schmerz, der mittlerweile meinen gesamten Körper befiel, wurde immer unerträglicher. Übelkeit stieg in mir hoch. Mein Körper fühlte sich an, als wickelte mich jemand zu einer Mumie zusammen und zöge die Bandagen immer fester zu. Ich rang nach Luft.

Enrico und ich hatten alleine in unserer Wohnung gelebt. Mein ältester und mein jüngster Sohn waren bereits ausgezogen und lebten ihr eigenes Leben.
Zwölf Tage vor diesem dritten Juli hatten wir uns das letzte Mal gesehen, denn wir hatten uns wieder einmal wegen irgendeiner Kleinigkeit gestritten. Daraufhin hatte er seine Sachen gepackt und war meiner Vermutung nach zu seinem Freund gegangen. Ich hatte ihn gehen lassen, denn damals hatten wir es so besprochen. Es war nicht das erste Mal, dass er im Streit wütend das Haus verließ.
Unser Abkommen war seinerzeit, dass er bei einer Auseinandersetzung lieber für ein paar Tage zu seinem Freund gehen möchte, um sich dort zu beruhigen. Er wolle nicht etwas Beleidigendes zu mir sagen, was ihm später Leid täte. Ich hatte damals diese Regelung für gut befunden, denn nachdem wir uns beide beruhigt hatten, hatten wir immer vernünftige Gespräche geführt.

Daher hatte ich mir keine Sorgen gemacht, als Enrico gegangen war. Ich hatte ihm noch aus dem Badezimmerfenster hinterher gerufen, dass ich ihn lieb hätte. Er hatte sich nicht einmal umgedreht, sondern nur abgewinkt.
Auch darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht, da diese Geste für ihn zu jener Zeit normal war. Später hatte ich meinem ältesten Sohn und meiner Schwester von unserem Streit berichtet. Beide waren der Meinung, dass er sich wieder beruhigen würde, wie sonst auch. Also war ich die Tage darauf zur Arbeit gegangen. Ich hatte mir vorgenommen mit ihm zu reden, sobald er wieder nach Hause kommen würde.

Da Enrico unsere Stühle für den Balkon hässlich gefunden hatte, hatte ich sie abends, nach der Arbeit, in freundlichen Farben angestrichen. Diese Beschäftigung hatte mich davon abgehalten, mir Sorgen über seinen Verbleib zu machen, denn er war bereits über eine Woche nicht nach Hause gekommen.
Mein Ärger über den Streit war längst verflogen. Innerlich hatte ich mich schon auf seine anerkennenden Blicke gefreut, denn er hatte es immer „cool“ gefunden, wenn „seine Mommy“ für unsere Wohnung irgendetwas verändert hatte.
Natürlich hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, dass er sich nach so vielen Tagen noch nicht gemeldet hatte, aber ich wollte ihm Zeit lassen.
Einige Monate zuvor blieb er ganze vierzehn Tage von zu Hause weg, ohne dass er sich gemeldet hatte. Als er wieder nach Hause gekommen war, hatten wir lange und ausführlich über den Vorfall gesprochen. Enrico hatte es gut von mir gefunden, dass ich mich an unsere Abmachung gehalten und ihn nicht mit meinen Anrufen „genervt“ hatte. Damals hatte er gesagt:
„Cool, Mommy. Du bist meine coole Mommy.“

Das Auto stoppte und das Motorengeräusch versiegte. Wir waren da! Bei meinem jüngeren Sohn.
Mit zittrigen Knien, dem stechenden Schmerz und der Übelkeit stieg ich aus dem Wagen aus. Ich musste nun meinem kleinen Sohn sagen, was passiert war.
Als ich ihm dann sagte, dass Enrico tot sei, reagierte er genauso wie ich:
„Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze.
Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da? NEIN! Enrico? Nein!“
Er wollte es mir nicht glauben und rannte die Straße hinunter, als könne er so der Wahrheit entfliehen. Ich ließ ihm etwas Zeit sich zu sammeln. Allerdings stieg Unruhe in mir hoch, da mein ältester Sohn noch nichts von unserem Schicksal wusste.
Er sollte es auch von mir erfahren – und nicht unvorbereitet von jemandem, der es zufällig hörte.

Nach einiger Zeit sagte ich: „Wir müssen jetzt los. Dein Bruder weiß es noch nicht. Ich möchte, dass er es von uns erfährt.“
Ein paar Sachen wurden von ihm zusammen gepackt und wir fuhren gemeinsam unter Tränen in Richtung der Wohnung meines ältesten Sohnes.
Schluchzen und Schweigen erfüllte den Innenraum des Wagens.
Was würde ich ohne meine Schwestern tun?
Je näher wir zur Wohnung meines Sohnes kamen, umso schlechter fühlte ich mich. Diese Übelkeit und dieser Schmerz in der Brust ließen mich erneut schwer nach Luft ringen. Meine Gedanken waren wirr:

Ach, der Enrico ist ja da und er kann diese Aufgabe übernehmen – Natürlich NICHT – Enrico, wo bist Du nur?
Oh nein, jetzt werde ich bestimmt wahnsinnig! Ich muss mich zusammenreißen!
Es ist bestimmt gleich vorbei… Es ist nur ein böser Traum. Dann fahren wir alle nach Hause und ich koche uns etwas Leckeres. Was hab ich denn zum Kochen zu Hause? –
Annette, jetzt reiß Dich endlich zusammen.

Wieder stoppte der Wagen und erneut stieg ich mit zittrigen Knien aus dem Auto. Die Treppen zur Wohnungstüre meines Sohnes schienen sich vermehrt zu haben, der Weg kam mir unendlich lang und steil vor. Meine Beine wollten mich nicht mehr halten, doch ich riss mich extrem zusammen und konzentrierte mich darauf, meinem Sohn die schlimme Nachricht zu überbringen.
Ich klingelte, die Türe ging auf und mein Großer sah uns erschrocken an. „Was ist denn hier los?“, fragte er sehr erstaunt. Er wunderte sich über unseren unangemeldeten Besuch. Als wir alle in seiner Küche standen, teilte ich ihm ohne Umschweife mit, dass Enrico sich das Leben genommen hatte.

Stille …
Endlich sprach mein Großer: „Das ist nicht wahr! Damit macht man keine Scherze.
Das kann nicht sein! Was erzählst du mir da? Nein! Enrico? Nein!“
Er legte dieselbe Reaktion an den Tag wie kurz zuvor mein kleiner Sohn und ich.
Fassungslosigkeit machte sich bei ihm breit und er lief durch die Wohnung. Immer wieder sagte er:
„Nein, das stimmt doch gar nicht. Was hat er denn jetzt angestellt. Das darf doch wohl nicht wahr sein.“
Nach etwa einer Stunde fuhren wir gemeinsam zu mir in die leere Wohnung. Ich war froh, dass ich nicht alleine war.
Julia und Regina kamen kurz darauf auch bei mir an. Schluchzend fielen wir uns in die Arme.
An diesem Abend war es sehr warm. Als mein Blick nach draußen auf den Balkon fiel und ich die nicht fertig gestrichenen Stühle sah, brach ich zusammen und konnte mich nicht mehr beruhigen.

Plötzlich merkte ich, wie Regina mir an die Schulter fasste. „Annette, du bist nicht schuld. Nein, hör auf damit. Es ist nicht deine Schuld.“ Sie redete auf mich ein. Der Nebel um mich war so dicht, dass ich nicht einmal bemerkte, dass ich sprach.
Ach wäre doch Enrico jetzt hier, dann würde ich mich viel besser fühlen und wir könnten alle gemeinsam draußen sitzen. Ach nein, die Stühle muss ich doch noch fertig streichen. Dann kann Enrico kommen.
Wir saßen an diesem Abend noch lange im Wohnzimmer beisammen. Ich hörte niemanden etwas sagen, denn ich verfolgte meine eigenen Gedanken.
Ich konnte einfach nicht glauben, was passiert war und fing immer wieder an zu weinen.
Die Einsamkeit machte sich in mir breit, obwohl meine Familie und meine Freunde um mich waren. Es war wie ein Albtraum. Wann würde ich endlich wach werden?

Tipps für die ersten Tage
An dieser Stelle möchte ich Dir gerne meine eigenen Erfahrungen weiter geben. Vielleicht hast Du bereits in den vorigen Kapiteln gelesen, wie ich mich fühlte. Es gab einige Dinge und Situationen, die mir halfen, um die ersten Tage und Wochen zu überstehen. Vielleicht kann ich Dir mit dem einen oder anderen Tipp behilflich sein, um Deine Seele ein kleines Stückchen zu heilen.
Dies sind natürlich keine „Allheilmittel“. Und auch keine absoluten Lösungen. Seitens meiner Familie und meiner Freunde fand ich Hilfe und Anregungen, die mir das Leben etwas erträglicher machten.

Du darfst weinen und zulassen, dass Du traurig bist.
Wenn Du traurig bist und weinen möchtest, dann weine. Du bist Du und Du lebst in Dir. Lasse zu, dass Du traurig oder gar wütend bist, denn dieses Gefühl der Wut muss raus. Falls Du so tust, als könntest Du alles so hinnehmen und Du seist stark für jeden und alles, staut sich nach einiger Zeit eine unbändige Wut in Dir.
Du musst nicht stark sein!

Wenn Du möchtest, dann schreibe einen Brief an Deinen geliebten Menschen.
Es kann sein, dass Du Dich freier fühlst von dem Moment an, in dem Du schreibst. Du kannst Deinem lieben Angehörigen all die Fragen stellen, die noch offen sind.
Du darfst all das nieder schreiben, was Dir auf dem Herzen liegt. Es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“.
Es ist nicht notwendig, dass Du zusammenhängende Sätze schreibst. Einzelne Worte genügen ebenso.
Jedoch macht es einen Unterschied, ob Du am Computer schreibst oder direkt mit einem Stift auf ein Blatt Papier. Meine Freundin Sabine empfand beides als hilfreich, je nach Gemütsverfassung.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, sobald ich zum Stift griff und meine Gedanken zu Papier brachte, es sich anfühlte, als fließe der Schmerz durch den Stift aus meinem Herzen auf das Blatt Papier hinaus.

Du kannst Sport treiben. Eventuell mit einer Person Deines Vertrauens. Alternativ dazu kannst Du spazieren gehen – vielleicht hast Du eine Person, die Dich begleitet.
Es ist wichtig, dass Dein Körper bewegt wird und Du Sauerstoff tankst. Je intensiver Du Dich bewegst, umso freier wird Dein Kopf bzw. Dein Geist. Jede Sportart, die Dir liegt, ist gut für Dich.
Vielleicht hast Du einen lieben Menschen, der Dich begleitet. Selbst Deine Kopfschmerzen vom Weinen können nach einem ausgiebigen Spaziergang weniger werden.

Rede viel mit anderen Menschen über Deine Gefühle.
Reden ist sehr wichtig!
Wenn ich „niemandem auf die Nerven gehen“ wollte, rief ich die Telefonseelsorge an. Nur, um zu reden. So habe ich bei mir festgestellt, dass, je öfter ich mich über meinen Schmerz habe reden hören, er von Mal zu Mal erträglicher wurde. Anfänglich fiel mir nicht auf, dass mein Schmerz weniger wurde, aber nach und nach spürte ich, dass meine Tränenflut immer etwas kleiner wurde.
Das lag nicht daran, dass ich mich absichtlich zusammenriss, sondern daran, dass ich mich über meinen Schmerz sprechen hörte. Das gesprochene Wort mit eigenen Ohren zu hören bewirkte in mir, dass meine Worte nicht mehr so bedrohlich auf mich wirkten.

Wenn Du möchtest, lege eine Gedenk-Kiste an.
Meine Schwester gab mir eine liebevoll bezogene Kiste, in der sie ein Bild von Enrico innen in den Deckel klebte. Dieses Bild hätte ich allerdings jederzeit entfernen können.
Meine Kiste füllte ich mit Gegenständen, die mich an Enrico erinnerten. Zum Beispiel befindet sich sein Portemonnaie mit
Inhalt darin. Zeitungsausschnitte, Steine, Handyhalter usw.

Immer, wenn mir danach war, setzte ich die Kiste auf meinen Schoß, öffnete sie, betrachtete den Inhalt und schwelgte in Erinnerungen. Sehr oft fing ich an zu weinen und die Gegenstände vor meinen Augen verschwammen mit den Tränen. In diesen Momenten war mir Enrico wieder sehr nahe – näher als auf dem Foto, das ich oft betrachtete.
Diese Kiste nahm ich überall mit hin, selbst wenn ich nur für ein paar Tage bei Freunden übernachtete. So war mir Enrico immer nahe, denn ich brauchte in dieser Zeit seine Nähe ganz besonders.
Heute steht meine Gedenkkiste immer noch in meinem Wohnzimmer. Sie ist an einer Seite etwas ausgeblichen, denn meine Schwester verkleidete sie mit einem schönen blauen Geschenkpapier.
Dieses Geschenkpapier ist nicht lichtecht. Die ausgeblichene Seite zeigt mir, dass viel Zeit verstrichen ist, seit Enrico ging.

Falls Du Dir auch eine Gedenkkiste zulegen möchtest, kannst Du sie etappenweise befüllen oder auch auf einmal, mit Gegenständen, die Dich an Deinen lieben Verstorbenen erinnern. Diese Gegenstände kannst Du, wann immer Du möchtest, austauschen. Oder Du lässt sie in der Kiste liegen. Hole sie zum Anfassen heraus, wann immer Dir danach ist. Die Berührungen werden Dir bestimmt gut tun, so wie sie mir auch gut taten.