Henri Faller studiert Maschinenbau an der Technischen Universität in Dresden, völlig unerwartet geschieht das Unfassbare. Sein Freund und Kommilitone Ingo Wolf wird von der Staatsicherheit verhaftet und nach Bautzen in die Sicherungsverwahrung gebracht.
Wie durch Zufall trifft Faller eines Tages seine große Liebe Nina aus der Schulzeit wieder.
Auch sie studiert in Dresden. All seine Jugendträume scheinen doch wahr zu werden. Nur langsam muss er erfahren wie doppelbödig Vertrauen, Freundschaft und Liebe in der Diktatur gelebt werden. Trotz Überwachung durch die Staatssicherheit gibt er die Hoffnung nicht auf und versucht scheinbar Unmögliches.

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Prolog

Die Nachricht der Verhaftung schlug ein wie eine Bombe.
Die Besprechung am 10. März 1970 im Dachgeschoss des zweistöckigen Altbaus auf dem TU-Gelände in Dresden war zu Ende. Der Studienjahresleiter, Genosse Antonow, hatte teilnahmslos zugehört. Doch jetzt stand er auf, sah in die Reihen der Studenten. Er holte tief Luft.
„Euer Kommilitone Ingo Wolf ist ein Staatsfeind. Er ist bereits in der Haftanstalt Bautzen.“
Und wieder glitt sein Blick über die Studenten. Wie gelähmt saßen sie schweigend auf den schmalen Bänken. Einer von ihnen, Henri Faller, der lange Kerl auf der hinteren Bankreihe, war in sich zusammengekrochen. Bleich starrte er mit gesenktem Kopf zu Boden, schnell verdeckte er sein Gesicht mit den Händen.
Ingo? Ein Staatsfeind? Verhaftet?
Wie aus weiter Ferne hörte er die Worte Antonows.
„Ingo Wolf hat Falschinformationen über das sozialistische Bildungswesen der DDR verbreitet. Durch die Wachsamkeit einer Studentin sind die Sicherheitsorgane aufmerksam geworden, so konnte weiterer Schaden verhindert werden. Ein besonderes Lob gebührt dieser Informantin.“
Die Studenten standen langsam auf und verließen wortlos den Raum. Henri folgte als Letzter den anderen zur Mensa.

Ein besonderes Lob gebührt dieser Informantin.
Diese Worte klangen nach. Er setzte sich allein in eine Ecke, denn er brauchte Zeit, die Nachricht zu verkraften. Sein Freund Ingo hatte auf der Leipziger Frühjahrsmesse als Helfer am Stand der Firma Volvo gejobbt. Was war mit ihm passiert?
Henri stützte den Kopf in die Hände, schloss die Augen und bemerkte daher viel zu spät, dass zwei Fremde zu ihm an den Tisch kamen.
„Herr Faller, folgen Sie uns, wir müssen mit Ihnen re-den.“
Henri stand auf. Sie führten ihn in die stets verschlossenen Kellerräume der Mensa, wo bereits ein Beamter hinter einem Schreibtisch auf ihn wartete. Die Stahltür fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss.
„Setzen!“
Der Beamte musterte Henri mit ernster Miene. Still saßen sie sich gegenüber.
„Berichten Sie uns über Ihren Freund Ingo Wolf.“
Henri suchte zögernd nach Worten:
„Ich weiß nicht, wir haben …“
Plötzlich schlug sein Gegenüber mit der Faust auf den Tisch.
„Wir wissen von eurem vertrauten, freundschaftlichen Verhältnis, von den gemeinsamen Kirchgängen und von eurer politischen Einstellung. Was war Ingos Ziel auf der Leipziger Messe, was hat er erzählt?“
Henri rutschte auf dem Stuhl nach vorn, wippte mit dem Oberkörper und schüttelte den Kopf:
„Ich weiß es nicht. Als er zurückkam, schwärmte er nur von seiner neuen Freundin Petra, die er in Leipzig kennengelernt hatte.“
„Das reicht mir nicht. Denken Sie nach. Was hat er erzählt?“
„Er sprach von ihr, sie sei die Frau seines Lebens. Sie war auch der Grund für seine vorzeitige Rückkehr aus Leipzig. Sie überredete ihn und bat ihn das Studium nicht zu schwänzen.“
Henri musste seine Aussage einige Male wiederholen, obwohl er nichts zu verbergen hatte. Immer wieder be-teuerte er, Ingo habe nur von seiner neuen Freundin erzählt.
Was sollte er denn sagen? Er wusste nichts anderes.
Ihm war kalt und er hatte Durst. Wann würde das alles aufhören? Immer und immer wieder wurden die gleichen Fragen an ihn gestellt, die er wahrheitsgemäß beantwortete. Was wollten die von ihm? Stunden vergingen, die Henri auf diesem unbequemen Stuhl verbringen musste, bevor der Beamte endlich das Verhör abbrach.
Nach einer weiteren Stunde bekam Henri ein Ver-nehmungsprotokoll zur Unterschrift vorgelegt. Er nahm das Papier, die Hände zitterten, er las und versuchte zu verstehen. Im letzten Absatz stand:

„Ich wurde entsprechend § 25, 32 der Strafprozessordnung über meine Aussagepflicht, mein Aussageverweigerungsrecht und meine Aussageverweigerungspflicht so-wie über strafrechtlichen Folgen einer vorsätzlich unrichtigen oder unvollständigen Aussage belehrt und zur Wahrheit ermahnt. Ich bin über das Recht der Beschwerde gem. § 91 StPO belehrt worden.“

Henri sah den Beamten an.
„Ich weiß nicht, ich … ich bin doch darüber nicht belehrt worden. Gibt es denn ein Aussageverweigerungsrecht und eine Aussageverweigerungspflicht?“
Seine Stimme wurde immer leiser. Er erhielt keine Antwort. Sein Blick wanderte durch den Raum. Hinter ihm standen die zwei Männer. Stille, keiner sagte ein Wort. Der Beamte stand auf, zeigte Henri mit dem Finger die Stelle, wo er zu unterschreiben hatte, und fügte hinzu:
„Herr Faller, ich rate Ihnen, überlegen Sie sich sehr gut, ob Sie von dem Beschwerderecht Gebrauch machen.“
Henri nickte und unterschrieb.
„Kein Wort über dieses Gespräch. Ist das klar?“
Wieder nickte Henri und versuchte aufzustehen. Er war zu erschöpft. Die Gewissheit, dass er endlich gehen durfte, gab ihm die Kraft aufzustehen.
Nur raus hier!
Die Stahltür fiel krachend hinter ihm ins Schloss. Mit großen Schritten nahm er die Treppe zurück in die Mensa. Dort suchte er sich einen Tisch in der Ecke und setzte sich.
Den Kopf mit beiden Händen abgestützt, versuchte er zu verstehen.
Oft hatte er in der Schule gehört: „Die Partei hat immer Recht“, und dies auch stets beachtet.
Unterschiedliche politische Einstellungen durften nicht nebeneinander bestehen. Er wusste: Die Menschen waren Spielbälle der Stasi.
Henri schüttelte gedankenverloren den Kopf. Ingo war in ihre Fänge geraten und verhaftet worden.
Die Angst schlich in ihm hoch.
Was wird aus mir?
Wo war die über Jahre erlernte Fähigkeit, die eigenen Gedanken und Gefühle zu unterdrücken? Wo war die in der Kindheit so schmerzhaft angeeignete dicke Haut, die ihn vor derartigen Demütigungen und seelischen Grau-samkeiten bisher schützte? Grausamkeiten, die er immer wieder erlebte, die aber niemand anderer als solche zu sehen schien. Die Täter, Eltern, Erzieher und Lehrer, waren ja keine Monster. Sie bemühten sich vom ersten Schultag an, ihre Aufgaben und Pflichten im Sozialismus zu erfüllen.