Nach Monaten der Trennung gelingt es Vincent endlich, aus seiner Dimension zu entkommen. Für seine große Liebe wird er zum Systemverräter und lässt alles zurück, was ihn bis jetzt ausmachte: Seinen Status, seine Arbeit als Wächteranführer, seinen besten Freund und die Möglichkeit, jederzeit unverbindlichen Sex zu haben. Als er Liz bittet, ihn auf seiner Flucht vor den Systemwächtern zu begleiten, zögert sie nicht lange. Gemeinsam versuchen sie, sich in Italien ein neues Leben aufzubauen.

Nachdem Vincent auch noch einen Job angeboten bekommt, den er nicht ausschlagen kann, und die beiden eine Familie gründen, scheint das Glück perfekt. Doch ein Schicksalsschlag droht den mühsam erarbeiteten Frieden zu zerstören.

Hier bei Amazon

Liz

Der Typ, der gerade ungeniert meinen Hintern betatscht, ist nicht Vincent. Noch nicht einmal jemand, der ihm ähnelt. Und schon gar nicht jemand, dem ich erlaubt habe, mich auf diese Weise anzufassen. Das darf nur einer. Und der ist nicht hier.

Ohnehin reicht kein Mann der Welt an ihn heran. Der kleine, alte Mann, den ich im Arm halte, hat die Tatsache, dass niemand außer Vincent meinen Körper befummeln darf, einfach ignoriert. Beim ersten Mobilisieren nach seiner Bypass-Operation hat er spontan einen Schwindelanfall bekommen und das Umfallen verhindert, indem er sich an meinen Pobacken festgekrallt hat. Das nachfolgende Kneten wäre allerdings nicht nötig gewesen. Sein kahler Kopf ruht auf meinen Brüsten, er grinst selig, mit leicht geöffnetem Mund. Saurer Atem strömt in meine Richtung. Erst, als ich ihn bestimmt darauf hinweise, dass ich keine fremden Hände auf meinem Po mag, lässt er von mir ab. Nur mit Mühe schaffe ich es, ihn zurück in sein Bett zu bugsieren.

Der Alltag hat mich wieder voll im Griff. Seit ein paar Wochen gehe ich wieder arbeiten. Auch wenn es mir schwerfällt. Aber mein Leben muss weitergehen. Ich kann schließlich nicht den ganzen Tag zu Hause rumhängen und in Selbstmitleid baden, weil mein Geliebter mich erneut alleine gelassen hat.

Noch vor einem halben Jahr verlief mein Leben in zwar langweiligen, aber wenigstens geregelten Bahnen. Ich arbeitete als Urologieschwester in einem kleinen katholischen Krankenhaus in München und kümmerte mich um alte, faltige Männer und ihre ebenso alten und faltigen Geschlechtsteile. Zuhause ärgerte ich mich über meine Mitbewohnerin Paula, die täglich neue, überhaupt nicht hutzelige, sondern meist knackige Männer mit nach Hause schleppte. Und ständig hoffte ich auf die große Liebe. (…)

(…) Keiner fragt nach Vincent. Entweder, weil es niemanden interessiert oder Fred hat ihnen eingetrichtert, dass mich niemand auf meinen vermissten Liebhaber ansprechen soll.
Den Mann, den ich einfach direkt aus dem Pflegebett mit nach Hause und in mein Herz genommen habe.
Alles auf Station erinnert mich an ihn: die Infusionsständer, die piepende Beatmungsmaschine, der süßliche Geruch der Vitaminpräparate und Glucose-Lösungen.
Doch er ist nicht da. Weder in diesem Krankenhaus noch überhaupt in meiner Welt. Wobei er geografisch sogar ganz nah wäre, denn die Zentrale von Dimension 1 liegt dort, wo hier, in Dimension 2 München ist. Trotzdem sind wir unerreichbar weit voneinander entfernt.

„Sei bereit, Liebste. Ich liebe dich und werde bald zurückkommen“, waren seine schwülstigen, aber schönen Abschiedsworte.
Dann war er wieder weg. Und es ist noch schlimmer als beim ersten Mal. Es ist, als hätte man mir ohne Vorwarnung eine Gliedmaße wegoperiert.
Keine Ahnung, ob Vincent wirklich wiederkommt. Versprochen hat er es. Ich halte mich daran fest, dass er gesagt hat „wenn ich wiederkomme“, nicht „falls ich wiederkomme“. Auch wenn es täglich schwieriger wird.
Wie kann ich wissen, dass Vincent die Wahrheit gesagt hat?
Gar nicht, denn seine Erklärung ist mehr als unrealistisch. Trotzdem vertraue ich ihm. Zumindest passen wir dann gut zusammen. Zwei Irre, die an die Existenz anderer Dimensionen glauben.
In seiner akkuraten Schrift hat er mir eine detaillierte Liste dagelassen, was ich alles für seine Rückkehr vorbereiten und besorgen soll: Papiere, einigen Kleinkram, Bargeld und eine Grundausstattung an Kleidung. Nur leider ohne Größenangabe. Als Vincent das letzte Mal bei mir war, hatte er lediglich seine Wächter-Uniform und wenige Wechselklamotten dabei. Diese bestanden aus vier frischen, tadellos gebügelten Unterhosen, zwei komplett faltenfreien Hemden und einer Stoffhose. Nichts davon hat er gebraucht, da wir die meiste Zeit nackt verbrachten.

Hätte ich doch mal besser nach praktischen Dingen gefragt, wie zum Beispiel nach seiner Konfektionsgröße, statt an welcher Stelle er mich als nächstes anfassen möchte.
Vermutlich weiß er seine Konfektionsgröße selber nicht. In seiner Dimension bekommt er sämtliche Kleidung auf den Leib geschneidert. Ihn neu auszustatten ist nötig, weil er sicher ohne Gepäck auftauchen wird. Er kann ja nicht einfach mit Koffer und Umzugskartons in die Zentrale spazieren und um einen illegalen Dimensionssprung bitten.
Letztendlich habe ich ein Dutzend Unterhosen, Socken, zwei Jeans, eine feine Anzughose, drei Shorts und je zehn T-Shirts und Hemden in XL übers Internet bestellt. Nun lagert alles, außer meiner Sehnsucht, die mich ständig begleitet, im Schrank und wartet auf dessen Einsatz. Mein gesamtes Erspartes, was bei meinem lausigen Krankenschwesterngehalt nicht sehr üppig ausfällt, habe ich abgehoben und trage es in einem pinken Brustbeutel bei mir.
Von der ersten bis zur sechsten Klasse beherbergte dieser Brustbeutel mein Brotzeitkleingeld, lag aber seitdem unbeachtet in meinem alten Kinderzimmer. So hatten meine Eltern ausnahmsweise einmal doch Recht, wenn sie ihren Sammelwahn mit „man weiß nie, wofür man es nochmal brauchen kann“ begründen.
In schwachen Momenten zweifle ich immer noch an Vincent. Denn die ganze Geschichte ist wirklich verworren. Eine andere Dimension … Kann man so etwas einfach erfinden, außer, wenn man hochgradig schizophren ist?

Deswegen habe ich nach Vincents abermaligem Verschwinden versucht, herauszufinden, was Wissenschaftler über die Existenz anderer Dimensionen veröffentlichen. Doch die dazugehörigen Fachartikel waren so kompliziert, dass ich nichts verstand, außer, dass man nicht weiß, ob andere Dimensionen möglich sind, aber vermutet, dass wir nicht in einem Universum, sondern vielen Multiversen leben – oder so.

Seit Vincent zurückgeholt wurde, hat Edward bereits vier Mal aufs Sofa gepinkelt. Genau dorthin, wo Vincent immer saß, wenn wir nicht gerade miteinander schliefen, außer wir taten es gleich auf der Couch. Wahrscheinlich vermisst Edward ihn genauso wie ich.
Nach meinem unfreiwilligen Grapsch-Erlebnis leiste ich Fred bei seiner Raucherpause im Innenhof der Uni-Klinik Gesellschaft. Während ich mit meiner erzwungenen Einsamkeit hadere, plappert mein Lieblingskollege ungeniert von seiner Eroberung der letzten Nacht.

„Er war so schnuckelig, Lizzy. Und so schüchtern. Ich wette, dass er offiziell hetero lebt. Er stand da so verschreckt in einer Ecke, hat sich an seinem Glas festgeklammert und auf seiner Lippe rumgekaut. So süß.“
Er verdreht schmachtend die Augen.
„Vielleicht ein bisschen zu klein und zu knochig, aber man kann ja nicht alles haben. Kommt ja bekanntlich nicht auf die Größe an.“
Er wiehert, Rauch gerät ihm in die Augen und lässt ihn husten.
„Außerdem ist nicht jeder so ein Tier wie dein Vincent.“
Bei Vincents Namen zucke ich zusammen.
„Ich weiß, dass er ein Riesending hat, selbst in schlaffem Zustand, ich habe ihn ja oft genug gewaschen. Aber du hast mir nie erzählt, ob er´s auch richtig einsetzen kann!“
Warum wollen meine Freunde eigentlich über mein Intimleben so genau Bescheid wissen? Ist ihnen ihr eigenes zu langweilig? Oder bin ich so abartig, dass man, wie beim Fremdschämen oder einem schlimmen Autounfall, nicht wegschauen kann?
Und ja, er kann sein Riesending, wie Fred den wunderschönsten Penis der Welt nennt, gut einsetzen. Sehr gut sogar. Hervorragend, um genau zu sein.
„Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass dich mein Sexleben nichts angeht?“
„Nö.“ Fred zieht so heftig an seiner Zigarette, dass ich das Brutzeln hören kann.
„Du hättest mich zum Pink Friday begleiten sollen“, referiert er weiter, während er seine Kippe auf den Boden schnippt.
„Wir hätten sicher auch ein heißes Mäuschen für dich gefunden.“
„Ich steh nicht auf Frauen. Ich will kein Mäuschen. Ich will ihn“, maule ich.
„Ist ja gut, Schätzchen. Immer dieses Ich, Ich, Ich! Der Herr Ichwill ist aber nun mal nicht hier. Und Vincent auch nicht. Ich wünsche dir ja, dass er wieder auftaucht, aber …“ Er stoppt. „Willst du meine Meinung überhaupt wissen?“
Nein, will ich nicht.

Gerade, als ich ihm das mitteilen will, fährt eine schwarze, glänzende Limousine mit verhängten Fenstern und goldenem Kreuz auf der Motorhaube vor, sodass wir zur Seite treten müssen. Nachdem Fred eine weitere Zigarette geraucht hat, steckt er sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und nuschelt:
„Wir müssen zurück auf Station.“
Gehorsam zuckle ich hinter ihm her zum Aufzug, vor dem mittlerweile der Fahrer des Leichenwagens inklusive Fracht wartet. Er schiebt den Sarg auf seinem Rollgestell mit einer Hand vor und zurück, als wolle er ein Baby zum Einschlafen bringen. In der anderen hält er eine gigantisch dicke Leberkäsesemmel. Ohne Maulsperre könnte ich davon nicht einmal abbeißen. Senf läuft ihm am Kinn hinunter und tropft auf seine schwarze Krawatte.
„Servus“, nickt er, rülpst donnernd und fährt fort: „Solljemndabholn“. Mit dem Ärmel seines Totengräberanzugs wischt er sich über das fettige Gesicht.
Sein Dialekt ist selbst für eine gebürtige Münchnerin, wie mich, kaum zu verstehen. Vor allem, da sein Mund voll halbgekautem Leberkäse-Semmel-Brei ist.

„Wo´isn d´patho?“
„Wahrscheinlich wollen Sie die von uns von Intensiv. Gestern Exodus. Zur Pathologie geht’s nach dahinten“, erklärt ihm Fred und zeigt mit ausgestrecktem Arm den dunklen Gang hinunter. „Haben sie was gefunden?“
„Waas net.“ Der Leberkäsemann zuckt mit den Schultern. „I muss nua neidua und fahra. Sonscht nix“, grunzt er, legt seine restliche Brotzeit auf den Sarg, dreht um und schiebt den zum Essenstransport umfunktionierten Leichenbehälter Richtung Kunden.
„Wer war´s denn?“, will ich wissen und meine damit, wer denn gestern gestorben ist.
„Kannst du dich an die alte Oma erinnern? Die, die versucht hat, aus ihrem Pflegeheim zu fliehen und sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen hat?“
Ja, kann ich. Sie war zeitgleich mit Vincent auf Station. Also nicke ich.
„Die Angehörigen haben sich fürchterlich mokiert, dass wir sie fixiert haben. Sie kamen mit einem richterlichen Beschluss, dass wir sie nicht mehr festbinden dürfen. Ab dem Moment ging das Chaos los. Kannst dir ja vorstellen. Die Alte war nun mal hochgradig dement. Die hat nicht gecheckt, dass sie liegen bleiben und ihr Bein schonen muss. Immer wieder ist sie übers Gitter gekrabbelt, hat sich den anderen Oberschenkelhals auch noch gebrochen, außerdem mehrfach blaue Augen am Bettpfosten oder der Türklinke geschlagen und alles Mögliche andere. Zwischen ihren Ausflügen hat sie sich die Verbände runtergepfriemelt und die Nähte aufgekratzt. Deswegen war sie auch immer noch auf Intensiv. Sie hat immer wieder von selbst dafür gesorgt, dass sie nicht auf eine Normalstation verlegt werden kann.“
Klingt ja schrecklich. Die Arme.
„Und woran ist sie dann jetzt gestorben?“
„Weiß man wohl nicht. Auf einmal hat sie aufgehört zu schnaufen. Die Monitore haben Alarm gegeben, aber in ihrem hohen Alter hat sich kein Arzt die Mühe gemacht zu reanimieren. Schade eigentlich. Ich fand sie lustig.“
Endlich ist der Aufzug da. Wir steigen zu zwei schwatzenden Assistenzärztinnen ein. Als sie Fred sehen, kreischen sie los und nehmen ihn untergehakt in ihre Mitte. Damit bin ich wohl abgeschrieben.
Die alte Dame hat es überstanden. Sie muss auf nichts und niemanden mehr warten. Ich dagegen warte seit Wochen, dass der Mann, der mich existentiell verändert hat, zurückkommt. Darauf und dass endlich Feierabend ist, damit ich mich zu Hause weiter in meinem Selbstmitleid suhlen kann.