„Ich könnte ein Buch über mein Leben schreiben“, das sagen viele Menschen. Doch wie viele tun es? Ganz wenige trauen sich. Dörte Klöppel schrieb teils fiktiv und teils real. Sie schrieb über Sybille:

Sybille ist eine Frau von Mitte dreißig. Sie lebt ungücklich mit ihrem Mann und ihrem Kind in einer Kleinstadt. Als sie sich dessen richtig bewusst wird, möchte sie ihrem Leben ein Ende setzen. Doch die Liebe zu ihrer Tochter hält sie davon ab. Glücklicherweise verändert ein Telefonat ihr gesamtes Leben.

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Ein Jux mit Folgen
Sybille fing an, den Wohnungsmarkt in Dresden via Internet zu erforschen. Sie suchte nach Schulen und informierte sich intensiv über sie.
Die Zeit, in der sie durch ihren Rücken bewegungsein-geschränkt war, wollte sie nutzen.
Doch die Wohnungssuche stellte sich schwieriger heraus, als sie sich das vorgestellt hatte. Sie wusste, wo sie nicht hinziehen wollte. Das waren die Randbezirke von Dresden und Neubausiedlungen. Aber die Wohnungen, die ihr vorschwebten, waren einfach zu teuer. Sollten die ersten Schwierigkeiten jetzt schon auftauchen?
Immer wieder gönnte sie sich eine „Auszeit“. Besonders an den Abenden chattete sie sehr gern. Es machte ihr einfach Freude.
Mal unterhielt sie sich ernsthaft mit irgendeiner Person und mal hatte sie einfach nur Spaß, denn Sybille fand so langsam ihr Lachen wieder.
Dabei lernte sie einen Mann aus Dresden kennen, dem sie ihre Probleme bei der Wohnungssuche schilderte. Sofort bot er ihr Hilfe an, doch Sybille blieb skeptisch.
Ein Kerl aus dem Internet? Wer sollte so blöd sein und einem Typen aus dem Internet irgendetwas glauben? Sie jedenfalls nicht!
Aber Sybille hatte auch entdeckt, dass man im Internet herrlich flirten konnte. Sie nahm es zwar nicht ernst, aber es gefiel ihr und es tat ihr gut. Auch wenn sie sich immer wieder selbst zur Ordnung rief, den ganzen leeren Worte nicht zu glauben, den ihr da so manch einer schrieb. Ganz Spurlos ging es nicht an ihr vorüber, ja es tat ihrem nicht vorhandenen Selbstbewusstsein recht gut.
An einigen Abenden chattete sie mit ihrer Freundin Ulli gemeinsam und die beiden Freundinnen hatten ihren Spaß und amüsierten sich köstlich. Am nächsten Vormittag wurde das Ganze dann ausführlich ausgeschlachtet und beide Frauen lachten oft herzlich darüber.
Sybille betonte aber immer wieder, dass sie das alles für Quatsch halte, sich nur köstlich amüsiere. Verlieben im Internet? Niemals! Seine Anonymität aufgeben? Niemals! Auf solchen Blödsinn würde sie sich nie einlassen!
Doch Ulli war da anderer Meinung.
„Ich kenne zwei befreundete Pärchen, die sind fest zusammen und die haben sich über das Internet kennengelernt. Und das ist bei denen die große Liebe.“
Doch Sybille war nicht zu überzeugen. Für sie war es ganz einfach Blödsinn.
Allerdings hatte sich bei ihr ein anderer Gedanke eingeschlichen. Was war eigentlich mit ihr? 35 Jahre alt, ein Kind, würde sie alleine bleiben? Sie hatte stark abgenommen, aber Schuppenflechte und Morbus Crohn, eine chronisch kranke Frau, wer wollte die schon? Sie war keine Schönheit, aber hässlich war sie auch nicht, vielleicht mittlerer Durchschnitt.
In stillen Stunden gestand sie sich es ein, dass sie Sehnsüchte hatte. Sehnsucht nach einem Menschen, der zu ihr hält. Der sie so nahm wie sie ist, mit allen Fehlern, Macken und Eigenarten. Der nicht nur nahm und forderte, sondern auch gab. Ein Mensch, der zuhörte und nachfragte. Und ab und an schlichen sich auch romantische Träumereien bei ihr ein. Ein Mann, groß, breitschultrig und schwarzhaarig. Tiefe Stimme, der sie umwarb und eroberte. Ja, der sie anhimmelte und auf Händen trug.
Sybille schob aber immer energisch diese Gedanken weg. Solchen Quatsch gab es ja schließlich nur in Liebesromanen und Kitschfilmen.
Und dann gab es ja da auch noch ein ganz anderes Problem.
Sybille fühlte sich frigide. Sexuell fühlte sie kalt, fühlte da keinerlei Bedürfnisse oder Verlangen. Welcher Mann wollte denn sowas? Schon allein der Gedanke, dass sich ihr ein Mann körperlich nähern könnte, stieß sie ab.
Auch darüber wollte sich Sybille mit ihrer Freundin Ulli unterhalten. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und erzählte ihrer Freundin davon. Ulli beruhigte sie.
„Überleg doch mal, was du erlebt hast. So wie du mir erzählt hast, war Thomas nie der Burner, nur immer auf sich fixiert.
Woher sollten denn da bei dir irgendwelche Gefühle aufkommen? Im Gegenteil, der hat doch bei dir genug kaputt gemacht, dieser Rohling. Aber ich bin mir ganz sicher: Kommt der Richtige, dann wirst du schon was fühlen und da wird dir schon danach sein. Ganz bestimmt!“
Sollte Ulli Recht haben? Denn immer allein zu sein, war nicht das, was sich Sybille von ihrer Zukunft vorstellte.
Sie hatte angefangen, im Internet die Kontaktanzeigen zu lesen. Rubriken wie „Er sucht Sie“ gab es jede Menge. Und wieder sah sie sich bestätigt. So ein Quatsch. Die schreiben doch nur Blödsinn in ihre Anzeigen. Wenn die so toll sind, warum sind die dann alle alleine?
Doch Sybille hatte trotz allem, was ihr widerfahren war, eines nicht verloren: Ihren Humor. Und ihr saß immer öfter wieder der Schalk im Nacken.
Thomas kam kaum noch zeitig nach Hause. Er kam nur schnell heim, aß eine Kleinigkeit, zog sich um und war wieder verschwunden. Meistens kam er dann ganz spät wieder nach Hause, um dann gleich ins Bett zu gehen.
Sybille war das nur recht so, sie hatte ihm nichts mehr zu sagen. So machte sie sich oft einen schönen Abend mit ihrer Tochter und wenn Julia schlafen ging, machte es sich Sybille vor dem PC gemütlich.
Und so kam sie auf eine Idee.
Warum nicht mal meinen Marktwert testen? Kein Mensch würde davon etwas erfahren. Diesen Spaß wollte sie sich gönnen. Sie wollte bei der Wahrheit bleiben, niemandem wehtun, aber auf irgendwas einlassen wollte sie sich auch nicht. Nur mal schauen. Also schaffte sich Sybille noch einen zweiten Account an. Sie nannte sich Hexlein 02. Die Kontaktanzeigen hatten eine vorgeschriebene Suchmaske. Sie empfand das störend, aber wenn es nicht anders ging, musste es wohl so sein. Also füllte sie alles aus und gab es frei:
Kontakt: Sie sucht Ihn
Name: Sag ich dir schon noch
Bundesland: Sachsen
Wohnort: 😉
Interesse: Zusammen durch dick und dünn gehen und dabei die Romantik nicht vergessen.
Jahre: 35
Größe: 173 cm
Sternzeichen: Widder
Beruf: wird noch geändert
Hobbys: Musik, Natur, Rad fahren, was spontan in den Sinn kommt und Spaß macht!
Suche: eine ehrliche Schulter zum Anlehnen die es nicht stört, dass ich noch verheiratet bin (auf dem Papier)
Biete: na mich 😉 Bin vielseitig interessiert, humorvoll und eine Schmusekatze und gnadenlos ehrlich.
Treffpunkt: erst mal hier, dann sehen wir weiter

Sie setzte diese Anzeige ins Netz und war sofort im nächsten Moment über sich erschrocken. Was hatte sie denn jetzt gemacht?
Sie beruhigte sich selbst. Keiner würde je davon erfahren, ihren Nicknamen Hexlein 02 kannte niemand, folglich würde keiner auf sie kommen. Gelogen hatte sie auch an keiner Stelle, naja bis auf den Treffpunkt. Denn das: “dann sehen wir weiter“ lag in keiner Weise in ihrer Absicht.
Und sie konnte auch jeder Zeit Hexlein 02 verschwinden lassen, Fotos hatte sie mit Absicht nicht gepostet, also was sollte die ganze Aufregung.
Sie bekam die Information, dass am Freitag die Anzeige sichtbar sein sollte und damit war vorerst die Angelegenheit für sie erledigt.

Sybille beschäftigte sich aber nicht nur mit dem Internet. Wieder schmerzfreier, informierte sie sich bei den Ämtern, wie es für sie weitergehen würde. Nichts war ihr verhasster als ein Weg ins Ungewisse. Auf dem Arbeitsamt machte sie sich über ihre Möglichkeiten kundig. Dort erfuhr sie, dass sich für sie nichts geändert hatte. Eine Umschulung stand ihr zu, aber in der unmittelbaren Umgebung gab es keine Angebote. Danach stand ihr ohnehin nicht der Sinn und sie fragte nach den Möglichkeiten in Dresden. Da sah es schon besser aus, aber dazu müsste sie dort wohnen.

Der nächste Weg war viel schwerer. Das Sozialamt. Dort erklärte sie, dass sie vorhabe, sich scheiden zu lassen. Sie erfuhr, dass sie Sozialhilfe bekommen würde, aber auf keinen Fall in der bisherigen Wohnung bleiben könne, da sie für sie und ihre Tochter zu groß sei und das Sozialamt die Kosten nicht übernehmen würde. Würde sie nach Dresden umziehen, sei das dortige Sozialamt zuständig, aber für den Umzug müsse sie selbst aufkommen, es sei denn, sie hätte einen Job, nur dann könne sie Hilfe beanspruchen. Ansonsten sei sie auf sich selbst gestellt. Da war guter Rat gefragt!
Fazit: Irgendwie in Dresden eine Wohnung finden, mieten und dann Sozialhilfe beantragen.
Oder besser erst mal dort das zuständige Amt aufsuchen. Aber Sybille wollte nicht aufgeben, sie würde es schaffen! Und das hoffentlich bevor für Julia das neue Schuljahr anfing, denn eines wollte sie nicht für ihre Tochter: Auf keinen Fall sollte das Mädchen im Schuljahr die Schule wechseln müssen.
Eines wollte Sybille zuerst machen: Sobald sie wieder richtig fit war, wollte sie einmal nach Dresden fahren. Einfach so, ganz alleine, nur für sich. Einen ganzen Tag, sich die Stadt anschauen, die Seele baumeln lassen, sich um nichts und niemand kümmern müssen, das hatte sie noch nie getan. Wenn es doch endlich soweit wäre.

Es kam der Freitagabend. Die Neugierde plagte Sybille. Hatte ihr überhaupt jemand geschrieben? Thomas hatte sich ins Wochenende verabschiedet, wollte erst Sonntagabend wiederkommen. Ihr war das Recht, konnte sie doch den Abend so gestalten wie sie wollte und machen, was ihr in den Sinn kam.

Aufgeregt loggte sich Sybille mit ihrem Nicknamen ein und sie hatte Post! Reichlich! Erstaunt und aufgeregt fing sie an, die vielen Nachrichten zu lesen.
Aber bald war sie enttäuscht. Egal ob Bergbauingenieur oder Schichtarbeiter, ob Haus oder Wohnung, ob Fahrrad oder Auto, nichts sprach sie an. Oberflächlich und nichtssagend. Gut, ihre Anzeige war auch nicht das Non plus Ultra, aber die Suchmaske war ja nun mal vorgegeben. Und dann die Fotos, die da so manche mitgeschickt hatten! Sybille saß vor dem PC und schüttelte den Kopf.
Für sein Aussehen konnte keiner, aber was manche da so lieferten.
Einer saß auf einem roten Sofa mit einer Formel 1 Flagge im Hintergrund, mit passendem Cape. Ein anderer lud sie übers Wochenende zu sich ein, der nächste wollte sie schon am Sonntag besuchen.
Sie hatte es doch gewusst. Der ganze Blödsinn brachte nichts. Immer hatte Ulli eben auch nicht Recht. Also fing sie an, Mail für Mail zu löschen. Sie merkte aber dennoch, dass sie enttäuscht war. Ein wenig hatte sie doch gehofft, dass sich vielleicht einer melden würde, der ihr zumindest am Abend eine Unterhaltung bieten würde.
Gerade als sie das Internet schließen wollte, ertönte aus dem Lautsprecher. „Sie haben Post!“
Und da las sie:

Thema: Antwort auf Ihre Anzeige „Ein Neuanfang zu zweit“!
Time: 22. 30 Uhr
From: Gunter
To: Hexlein 02

Hallo unbekanntes Mädchen aus Sachsen!
Endlich habe ich mal jemanden gefunden, der sich genau wie ich dazu bekennt, noch verheiratet zu sein. Ich habe nämlich auch so meine Probleme damit, das einer Frau zu erzählen, denn immer wenn es zur Sprache kommt, wird erst einmal wieder Abstand genommen mit der Begründung, dass ich es mir ja wieder anders überlegen könnte um die Beziehung mit meiner Frau wieder aufzunehmen.
Ich sehe aber nicht ein, dass nur, weil mich meine Frau wegen einem anderen Mann verlassen hat, ich jetzt so lange warten soll, bis ich geschieden werde, ehe ich wieder eine Frau ansprechen darf. Ich fühle mich einsam und habe mit Sicherheit trotz Eheurkunde das Recht, mich um eine neue Beziehung zu kümmern und Dir wird es sicherlich genauso gehen. Wahrscheinlich können nur wir Ehegeschädigten diese Situation begreifen und ich finde es ungerecht, manchmal wie ein Aussätziger behandelt zu werden, nur weil die Beziehung, die man mal eingegangen ist, nicht für das ganze restliche Leben gehalten hat, denn solange niemand weiß, dass man getrennt lebt, merkt man davon nichts.
Ich bin aber ehrlich und verschweige nicht, dass ich noch verheiratet bin. Und weil ich Ehrlichkeit an einem Menschen sehr schätze, habe ich Dir diese Zeilen geschrieben und es würde mich sehr freuen, wenn Du mir eine Antwort zukommen lassen würdest.
Vielleicht bis bald, Gunter.

Erstaunt las Sybille diese Mail. Nachdem, was sie davor gelesen hatte, war sie nun überrascht. Diese Zeilen klangen für sie ernst und verbittert, aber auch sehr höflich, nett, offen und ehrlich.
Sybille wusste, dieser Mann suchte kein Geplänkel oder eine Frau für gewisse Stunden.
Eines hatte er auf jeden Fall verdient. Eine ehrliche Antwort! Und so zögerte Sybille nicht lange und schrieb spontan zurück.