Die Wächter der Auserwählten
Die Welt steht vor einer großen Bedrohung. Alle tausend Jahre tragen die Götter von Gut und Böse einen Kampf um das Schicksal der Menschheit aus. Doch damit sie weltliche Gestalt annehmen können, müssen ein Auserwählter des Guten und einer des Bösen ihre Lebenskraft opfern. Doch nur wenn dies freiwillig und an einem bestimmten Ort geschieht, kann das Ritual gelingen.

Um die Auserwählte des Guten, das junge Mädchen Sarieja, zu beschützen, werden die sechs stärksten Zauberer ihrer Zeit berufen. Auch der junge und ehrgeizig Magier Klago gehört dazu. In seiner Heimatstadt Sandika hat er bereits den Titel Roter Schatten erlangt. Und er ist fest entschlossen, als Wächter der Auserwählten nicht zu versagen. Doch das scheint schwerer zu sein, als gedacht. Denn ausgerechnet sein tot geglaubter Freund und Rivale Bahgun, entpuppt sich als Auserwählter des Bösen. Und mit seinen übermächtigen Kräften setzt er alles daran, die Auserwählte des Guten zu töten, um so den Sieg seines Gottes zu sichern. Dazu kommt, dass sich die Auserwählte Sariea als nicht so unschuldig entpuppt, als es zuerst den Anschein hatte.

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Im Goldtopf

Auch wenn die Flussfahrt für Klago alles andere als angenehm war, überstand er diese Prüfung und erreichte, zusammen mit den anderen, das Zentrum von Kanika. Hier trafen sie auf die letzten beiden Mitglieder ihrer Gruppe. Wider Erwarten waren es keine übermächtigen Zauberer, so wie Marugan oder Semeka. Sie waren noch nicht einmal so stark wie Klago und Desago. Trotzdem waren sie sehr begabt. Ihre Befähigung lag auf einem anderen Gebiet. Tan, der erste der beiden, stammte aus der magischen Stadt ohne Namen.
Sie trug diese nichtssagende Bezeichnung nicht etwa, weil es ihren Erbauern an Fantasie fehlte. Nein, es lag daran, dass die Stadt verflucht war. Welcher Art dieser Fluch war, und ob es sich nicht nur um ein Gerücht handelte, war nicht bekannt. Sicher war nur, dass viele der Zauberer, die diesen Ort bewohnten, die Kunst der Vorhersage beherrschten. Auch wenn diese Fähigkeit nicht immer zuverlässig war, hatte sie sich gelegentlich doch als nützlich erwiesen. Es war also eine gute Sache, dass Tan sich der Gruppe anschloss, weil er über das Talent eines Wahrsagers verfügte.
Der andere dagegen war eine wahre Berühmtheit. Wenn auch nicht im Bereich der Magie. Sein Name war Satun. Satun der Wortreiche. Er war kein Kampfmagier oder Abenteurer wie die anderen in der Gruppe. Satun war ein schreibender Zauberer, ein Biograf, Philosoph und Poet. Er verdiente sein Geld damit, die Geschichten und Abenteuer anderer Zauberer niederzuschreiben. Wenn man bedachte, wie komplex und vielseitig diese Bevölkerungsschicht ist, dann wird offensichtlich, warum nur ein anderer Zauberer eine Schilderung ihres Alltages niederschreiben konnte. Satuns Aufgabe war also klar. Er würde die Reise der Gruppe aufschreiben und, sobald alles vorbei war, veröffentlichen.
Das Kennenlernen zwischen den Neuankömmlingen und Klago sowie dem Rest der Gruppe wurde schnell und freundlich abgewickelt. Alle verstanden sich prächtig. Auch wenn Tan jeden so unnachgiebig und durchdringend anstarrte, als wäre er ein Geist.
Satun hielt ständig ein Blatt Papier in der Hand, auf das er Sätze und Zitate schrieb, die ihm spontan in den Sinn kamen. Die beiden Neuen schienen an ihren Reisegefährten jedenfalls nichts auszusetzen zu haben.
Nachdem die Notwendigkeit des Vorstellens abgeschlossen war, nahm man die weitere Planung der Operation in Angriff. Wegen der späten Stunde war ein Weiterreisen erst am nächsten Morgen möglich. Man hatte eine sichere Unterkunft für die Gruppe ausgesucht. Sie lag in einem abgeschiedenen Teil der Stadt und war bestens dafür geeignet, eine Nacht unbemerkt zu bleiben.
So machte sich die Gruppe auf zu diesem sicheren Ort. Sie gingen durch die Straßen von Kanika, die, für diese Uhrzeit, noch reichlich gefüllt waren.
Es fiel Klago und den anderen nicht leicht, einerseits nicht aufzufallen und gleichzeitig ihren Verpflichtungen als Wächter für Sarieja nachzukommen. Sie versuchten, sie in ihre Mitte zu nehmen, während die Auserwählte selbst mit begeistertem Gesichtsausdruck das Straßenbild begutachtete. Wie sich herausstellte, war Kanika als Hafenstadt besonders reich an Kneipen, Spielhöllen und anderen wenig seriös wirkenden Betrieben.
Dass Sarieja von diesen zwielichtigen Orten so beeindruckt war, kam Klago merkwürdig vor. Doch dann fiel ihm ein, dass sie ihr halbes Leben auf ihre Aufgabe als Auserwählte vorbereitet worden war und sich heute vielleicht zum ersten Mal in so einer Gegend befand. Es war also völlig normal, dass Sarieja neugierig war und sich vom falschen Glanz dieses Sündenpfuhls beeindrucken ließ.
Kurze Zeit später erreichten sie ihre Unterkunft für diese Nacht. Es war ein Gasthaus, in einem der stilleren Teile der Stadt. Das Gebäude war alt, windschief und wirkte so gastfreundlich wie eine Geisterbahn. Schien aber, für die Ansprüche der Gruppe, mehr als geeignet zu sein. Marugan ging voran. Dann traten alle durch die knarrende Tür ins alte Haus.
Der Hauptraum des Gasthauses war genau so betagt und dunkel, wie der Bau von außen wirkte. Die einzige Beleuchtung war ein Feuer im offenen Kamin, das schon stark heruntergebrannt war. Die Flammen warfen unheimliche Schatten über die im Raum verteilten Tische und Stühle.
„An diesem Ort sind unschuldige Seelen gestorben“, verkündete Tan, der Wahrsager. „Schon bald werden wir die Konsequenzen für das von ihnen erlittene Unrecht erleben.“
„So, dann hatten die Ratten, die ich neulich erledigt habe, doch noch irgendwo Verwandtschaft. Und bestimmt werden sie noch weiter an die Vorräte gehen. Ich muss neue Fallen auslegen.“ Die Stimme kam aus einer dunklen Ecke im Raum, wo sich der Tresen befand. Zuerst konnten weder Klago noch die anderen erkennen, wer da sprach. Doch als sie genauer hinsahen, erkannten sie eine Gestalt, die hinter dem Tresen stand und die Gäste beobachtete.
„Belor, mein alter Freund!“, rief Marugan, der den unheimlichen Mann kannte. „Ich freue mich, dich wiederzusehen!“
„Und ich freue mich, dich wiederzusehen!“, erwiderte der Mann namens Belor. „Als ich hörte, dass du und deine Leute ein Ausweichquartier brauchen, habe ich mich sofort gemeldet.“
„Eine gute Sache!“, lobte Marugan. „Und es sieht hier noch immer so gastlich aus wie in der guten alten Zeit.“
„Dann haben sie es in dieser Bruchbude früher wahrscheinlich ganz schön krachen lassen“, meinte Desago so leise, dass Marugan und Belor ihn nicht hören konnten. Klago aber schon. Und ganz offenbar auch Sarieja, denn sie begann zu kichern. Das hörte Belor dann doch. Und er sah sie an.
„Und das muss die Auserwählte sein, die von dir und deinen talentierten Begleitern ins Verbotene Tal eskortiert wird. Wo sie dann ihre aufopferungsvolle Tat begehen wird.“
„Was?“, fragte Marugan überrascht. „Woher weißt du das?“
„Mein lieber Marugan“, erklärte Belor freundlich. „Auch ich besitze einen Kalender und weiß, dass sich die tausend Jahre schon bald vollendet haben. Als ich erfuhr, dass du, der mächtigste Zauberer, eine streng geheime Mission anführst, konnte ich mir vorstellen, dass es sich dabei nur um den Geleitschutz der Auserwählten des Guten handeln konnte. Wofür sonst sollte man dich in dieser Zeit einsetzen?“
„Ich bin beeindruckt und hoffe, dass dein Betrieb gut läuft. Damit du nicht dazu übergehen musst, dein Wissen an den Meistbietenden zu verkaufen, … so wie früher …“
„Keine Sorge“, winkte Belor ab. „Meine Geschäfte gehen bestens. Auch wenn es nicht mehr so leicht ist, seit … na ja, du weißt schon.“ Ein unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen Belor und Marugan aus. Klago, der nicht wusste, worum es ging, begriff, dass beide mit einer schlimmen Erinnerung zu kämpfen hatten.
„Genug von diesen alten Geschichten! Ihr seid sicher müde. Ich habe meine besten Zimmer für euch bereit gemacht.“
„Das muss in dieser Bude nicht viel heißen“, stellte Desago fest, so leise, dass ihn wieder nur Klago hören konnte. Und dieses Mal musste auch er losprusten.
„Dann lasst uns noch die Sicherheitsfrage klären“, meinte Marugan, mit einem strengen Blick auf Klago. „Desago und Klago halten die ganze Nacht Wache. Alle anderen haben frei.“
„Moment mal!“, rief Desago empört. „Wieso müssen wir als einzige Wache halten?“
„Weil Sicherheit in dieser Bude nicht viel heißt, und wir die Kraft und Kreativität der Jugend brauchen, um unseren Schutz zu gewährleisten.“
Klago hätte sich die Hand vor den Kopf schlagen können. Es war allgemein bekannt, dass den magischen Ohren von Marugan nichts entging. Und nun bestrafte er sie. Desago, weil er so frech gewesen war. Und Klago, weil er über ihn gelacht hatte. „Bis morgen dann, die Herren, und eine geruhsame Nacht“, wünschte Marugan und ging die Treppe zu den Gästezimmern hinauf, während Desago ihm einen Blick hinterher warf, als wolle er ihn erwürgen und im Kaminfeuer entsorgen.
„Klago sowie Desago, die tapferen Krieger, entsagten dem Schlaf“, rief Satun der Wortreiche und schrieb die von ihm erdachten Verse sofort auf. „Und sie trotzten der Nacht, um ihre Kameraden zu schützen und ihren Schlaf zu bewachen.“
„Und rammten dem wortreichen Drecksack sein Geschreibsel in die Kehle!“, keifte Desago und drohte Satun mit der Faust.
Der ließ sich zu keinen weiteren, kreativen Ergüssen hinreißen und stieg ebenfalls die Treppe hinauf. Ihm folgten Tan, Semeka und auch Sarieja. „Gute Nacht, euch beiden“, sagte sie und warf ihnen ein süßes Lächeln zu, bevor sie die Treppe hinaufging.
„Ein nettes Mädchen“, meinte Klago zu Desago und schaute Sarieja hinterher. Desago pfiff verächtlich. „Mir ist sie zu mager. Aber das ist wohl Geschmacksache.“
Klago zuckte mit den Schultern und setzte sich auf einen der Stühle. Genau wie Desago, der wohl nicht anders konnte und seine Füße auf dem Tisch ablegte. Die Zeit verging. Belor spülte noch einige Gläser, bis sie ihm ausgingen. Dann verließ auch er den Raum durch eine Seitentür. Nun waren Klago und Desago ganz allein.

„Das nervt!“, fand Desago, nachdem mehr als eine Stunde vergangen war, ohne dass etwas passierte. „Wer sollte uns denn in dieser Bruchbude überfallen? Niemand würde glauben, dass wir uns in so einem Drecksloch verschanzen.“
„So gesehen ist das hier das perfekte Versteck“, wandte Klago ein. „Aber du hast recht. Ich glaube, Marugan will uns einfach nur eins auswischen.“
So verging wieder einige Zeit, ohne dass etwas geschah. Es war ungefähr drei Uhr früh. Klago wäre beinahe eingeschlafen, als ihm ein sägendes Geräusch an die Ohren drang und ihn hochfahren ließ. In Erwartung eines Angriffes, sprang er auf, nur um sich gleich wieder zu entspannen. Denn dieses Röcheln und Grunzen stammte nicht etwa von einem Feind, sondern von Desago, der eingeschlafen war und nun ausgiebig schnarchte.
Klago nahm das zum Anlass, die sträflich vernachlässigte Aufsicht durch einen Rundgang zu erfüllen. Er erhob sich, um im oberen Stockwerk nach dem Rechten zu sehen. Als Klago die Treppe erklommen hatte, überlegte er, wie er weitergehen sollte. Dass es ein Eindringling bis hierher geschafft hatte, war eher unwahrscheinlich. Es war also nicht nötig, die ganze Etage zu inspizieren. Den Flur mit den Gästezimmern einmal auf und ab zu marschieren, um sich zu überzeugen, dass sich niemand darin befand außer denen, die darin schlafen sollten, musste genügen. Also ging Klago den Flur hinauf, verharrte vor jeder Tür, um nach den Geräuschen dahinter zu lauschen. Er konnte gleich erkennen, wer in welchem Zimmer wohnte, denn vor jeder Tür standen die Schuhe ihrer Besitzer. Aus den Zimmern von Tan und Satun drang kein Ton. Obwohl Klago damit gerechnet hatte, dass Tan selbst im Schlaf Prophezeiungen vor sich her murmelte und Satun sich die Nacht damit um die Ohren schlug, neue Verse zu dichten. Auch in Marugans Zimmer war es still. Klago überlegte, den alten Mann unter einem Vorwand zu stören, um auch ihn um seine Nachtruhe zu bringen. Doch dann beschloss er, es zu lassen und ging weiter zum Zimmer von Semeka, woraus ein gewaltiges Schnarchen drang, welches sogar das von Desago bei Weitem übertraf. Klago war leicht irritiert, entschied dann aber, dass es nichts Ungewöhnliches zu melden gab und setze seine Inspektion fort.
Nun kam der junge Wächter zum Zimmer von Sarieja. Sie war ja der eigentliche Grund für die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen. Darum beschloss Klago, hier besonders hingebungsvoll an der Tür zu lauschen. Vielleicht schnarcht die Kleine ja auch. Klago wusste keinen Grund, weshalb das wichtig sein könnte. Trotzdem drückte er neugierig sein Ohr an Sariejas Tür. Ein Schnarchen war nicht zu hören. Noch nicht einmal ein schweres Atmen. Offenbar hatte Sarieja einen ruhigen Schlaf. Klago überlegte, durchs Schlüsselloch zu gucken, um sicherzugehen, dass es Sarieja wirklich gut ging. Er schämte sich jedoch gleich dafür, denn das ging nun wirklich zu weit. Klago wollte sich schon abwenden, um sich wieder zu Desago nach unten zu begeben, da drang etwas an sein Ohr, was ihn alarmierte. Das Klirren von Glas. Ohne zu überlegen öffnete Klago die Türe.
Im Zimmer war es zwar dunkel, aber auch nicht viel mehr als im Flur des Hauses. Klago konnte seine Augen schnell an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Er erkannte, dass das Klirren nicht von einem Eindringling stammte, der gerade dabei war, Sarieja zu verschleppen, sondern von einer Vase, die durch den Luftstrom des offenen Fensters umgeworfen worden war. Das brachte Klago jedoch keine Besänftigung, ganz im Gegenteil. Denn nun musste er feststellen, dass sich nicht nur kein Eindringling in dem Zimmer befand, auch von Sarieja war nichts zu sehen. Klagos Gedanken rotierten. War er zu spät gekommen? War die Auserwählte bereits entführt worden? Nein, dann hätte Klago selbst ein Stockwerk tiefer Kampfgeräusche hören müssen. Es war zu vermuten, dass sich Sarieja nicht ohne Gegenwehr, verschleppen und ermorden ließ. Wohin sie also auch immer verschwunden war, sie hatte den Raum freiwillig verlassen. Aber warum? Hatte sie es sich doch anders überlegt und wollte nicht mehr als Opfer für die Götter herhalten? Das konnte Klago gut nachvollziehen. Doch hier ging es um die Rettung der Welt. Da musste Sariejas Wunsch zu leben hinten anstehen. So grausam das auch klang. Klago musste ihr folgen. Sie musste durchs Fenster geklettert sein. Wäre sie durch die Vordertür entkommen, müsste sie an Klago und Desago vorbeigeschlichen sein. Klago beschloss, ihr kurzerhand zu folgen und sprang ebenfalls durchs Fenster. Es war nicht besonders tief bis zum Boden und er landete, ohne sich zu verletzen. Der junge Zauberer blickte sich um. Keine Spur von Sarieja.
Natürlich nicht, dachte Klago. Wenn sie auf der Flucht war, würde sie wohl kaum auf ihn warten. Sarieja konnte schon sonst wo sein und würde nur durch Magie aufzuspüren sein. Glücklicherweise war Klago auf dem Gebiet nicht ganz unbemittelt. Es war kein großer Aufwand, Sariejas Spuren zu folgen, wenn man den richtigen Zauber kannte. Er würde sie ausfindig machen.
Und wenn möglich zur Vernunft bringen. Und wenn er es nicht konnte? Was dann? Klago beschloss, die Frage, wie er mit Sarieja umgehen sollte, auf später zu verlegen. Zunächst musste er sich auf den Zauber konzentrieren, mit dem er sie finden wollte. Klago sammelte sich, und im selben Moment schon begann seine Magie zu wirken. Der Zauber, den er sich zunutze machen wollte, sollte die Stellen, die Sarieja beim Gehen berührt hatte, sichtbar machen. Oder einfacher ausgedrückt, er würde ihre Fußspuren zum Leuchten bringen. So, dass es nur für Klago zu sehen war, um sicher zu gehen, dass er nicht noch jemand anderen den Weg zur Auserwählten zeigte. Und wirklich, genau da, wo Klago stand, begann eine Fußspur, die zu Sariejas Schuhgröße passte und sich vom Haus aus in Richtung Stadtkern bewegte. Seltsam, fand Klago. Sarieja hatte sich extra neue Schuhe angezogen. Denn die, die sie bisher getragen hatte, standen oben vor ihrer Tür. Nun war Klago kein ausgebildeter Spurenleser. Aber er war sich ziemlich sicher, dass es sich bei den Schuhen, die Sarieja für ihre Flucht gewählt hatte, nicht gerade um solides Schuhwerk handelte. Klago wusste nicht, was das zu bedeuten hatte.
Was sollte er nun tun? Sollte er die anderen zur Hilfe holen? Nein, die Vorwürfe, die ihnen Marugan und die anderen machen würden, wenn herauskam, dass er die Auserwählte verloren hatte, die er beschützen sollte, konnte er sich schon ganz gut vorstellen. Und wer weiß, wie Sarieja reagierte, wenn gleich die ganze Truppe kam, um sie zurückzuholen. Klago würde es erst einmal alleine, und mit Verständnis und Einfühlsamkeit versuchen. Wenn das nicht half, würde er einen anderen Weg finden müssen.
Also machte sich Klago auf den Weg in die Innenstadt. So schnell er konnte, ohne zu rennen, folgte Klago Sariejas Spuren. Zunächst war es nicht schwer, ihrer Fährte zu folgen.
Klar und deutlich zeichnete sie sich auf dem Straßenpflaster ab. Doch als Klago in die belebteren Teile der Stadt kam, waren hier, trotz der späten, beziehungsweise frühen Stunde, noch immer so viele Menschen unterwegs, dass es Klago schwerfiel, die Spur zwischen deren Füßen zu erkennen. Schläft diese Stadt denn nie?, fragte er sich. Offenbar nicht. Trotz solcher Widrigkeiten, schaffte es Klago, Sariejas Schritten bis zur jenem Amüsierviertel zu folgen, das sie schon auf ihrem Weg zum Gasthaus durchquert hatten. An dem Sariejas großes Interesse gezeigt hatte.
O nein, dachte Klago. Hoffentlich ist sie nicht in eine von diesen Spelunken gegangen. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht. Denn wie Klago kurz darauf feststellen musste, führten Sariejas Spuren zu einer Glücksspielkneipe, die so zwielichtig und verkommen aussah, dass selbst Klago Hemmungen hatte, dort hineinzugehen. Und das, obwohl er schon, ohne zu zögern, in Hexenwälder, Geisterburgen und Monsterhöhlen gestürmt war. Die Kleine bringt mich noch um, dachte Klago. Die Typen da drin fressen sie doch in einem Stück! Klago musste sie da rausholen, bevor noch etwas Schlimmes geschehen könnte. Also betrat der junge Wächter die Kneipe.

Er ging durch die schmale Tür, über der der Name dieser Örtlichkeit stand: Goldtopf. Kein Name hätte weniger passen können. Das begriff Klago, nachdem er einen Blick in den Bau geworfen hatte. Der ganze Raum war voller Menschen, denen man nicht einmal bei Tageslicht gerne begegnet wäre. Die Luft stank nach Tabakqualm, starkem Alkohol und schlechten Gedanken. Klago erkannte nun, was der irreführende Name „Goldtopf“ bedeutete. Es war genau das, worauf die Anwesenden aus waren. Wohin man auch sah saßen Männer, die dem Glücksspiel nachgingen, in der Hoffnung, den großen Profit zu machen.
Und den „Goldtopf“ zu gewinnen. Obwohl sie wissen sollten, dass nur die Geschicktesten dies jemals schaffen konnten. Davon schien es hier genug zu geben. Die meisten der Spielenden schienen das beruflich zu tun und konnten davon teilweise gut, größtenteils eher schlecht leben. Auch wenn diese Art Leben aus Lug, Betrug und schlechtem Gewissen bestand. Sarieja hätte sich an keinen übleren Ort verirren können. Klago musste sie schnell finden, bevor sie noch als Einsatz irgendeines Zockers endete. Doch wo sollte er sie in diesem Gewirr finden?
Die meisten Spieler standen um einen Tisch herum, an dem eine Gruppe von Leuten Karten spielte. Genau genommen waren es nur noch zwei, die spielten. Alle anderen hatten wohl ihre Einsätze schon verloren und waren ausgeschieden. Der eine, der noch im Spiel war, war ein groß gewachsener Mann, der aussah, als würde er sogar seine eigene Mutter verzocken.
Die andere Person war – Sarieja!